Unser Besuch bei «Partage Riviera»

Wie bereits in unserem Blogbeitrag von Tag 5 angekündigt, berichten wir in einem separaten Blogbeitrag von unserem Besuch bei «Partage Riviera» in Vevey. Diese Organisation verteilt zweimal wöchentlich Lebensmittel an hilfsbedürftige Personen. Unsere Eindrücke möchten wir euch nicht vorenthalten.

Mit viel Herz und grosser Leidenschaft

Pünktlich um 15 Uhr sind wir bei der Lebensmittelabgabestelle in der Nähe des Bahnhofs von Vevey angekommen. Der Leiter vor Ort ist Michel Botalla, eine sehr beeindruckende, positive eingestellte Persönlichkeit, welche aus Überzeugung und Freude seine Arbeit macht. Wir warteten einige Minuten vor dem Gebäude und konnten uns einen ersten Überblick über das Vorgehen und die Abläufe der Abgabe verschaffen. Uns fiel sofort auf, dass die hilfsbedürftigen Menschen mit einer auffallenden Gelassenheit anstehen und mit einem riesigen Lächeln und gefüllten Einkaufstaschen die Lokalitäten verlassen. Nach der Abgabe haben sich teilweise die Menschen noch länger dort aufgehalten und miteinander gesprochen.

Nun durften wir zusammen mit Michel die Abgabestelle besuchen. Zuerst wurde uns der Pausenraum gezeigt, der zu Beginn der «Coronazeit» wegen erhöhter Nachfrage in einen weiteren Lagerraum umfunktioniert wurde. Im Raum wurden Backwaren gestapelt, weshalb es wie in einer Backstube roch. In einem nächsten Raum ging es zur Hauptausgabestelle der Lebensmittel. Dort werden praktisch alle Lebensmittel in Kühlschränken gelagert. Zwei Freiwilligenarbeiter reichen den Hilfsbedürftigen die Lebensmittel aus. Man spürt sehr viel positive Energie und alles geht sehr freundlich zu und her.

Welche Personen beziehen Lebensmittel?

Um bei «Partage Riviera» Lebensmittel abholen zu können, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Diese werden auch von einer Freiwilligen vor dem Eintritt geprüft. So dürfen beispielsweise Menschen, die von der Sozialhilfe leben oder im Besitz einer Caritas-Karte sind, Lebensmittel beziehen. Von den wöchentlich rund 440 Personen sind 32% Schweizer, 66% in der Schweiz angemeldete Ausländer und 2% ohne geregelten Aufenthaltsstatus (Sans-Papier). Letztere sind in der Genfersee-Region häufig Angestellte bei Expats, die mit dem Ausbruch der «Coronakrise» arbeitslos wurden.

«Dank dem neuen SMS-System gibt es kaum Warteschlangen mehr und die Menschen fühlen sich wohler und ernster genommen».

Michel Botalla

Der Ablauf ist klar geregelt

Im letzten Herbst führte Michel, der früher selbst in der IT tätig war, ein ausgeklügeltes SMS-System ein. Die Hilfsbedürfiten können sich via SMS anmelden und erhalten einen verbindlichen Termin zugestellt. Zu Beginn sorgte das System für ziemliche Aufregung bei den Freiwilligen. «Bei der Anmeldung klappte es zu Beginn nicht wie gewünscht» erklärt uns Michel und lacht laut zu seiner Kollegin, welche die Personen beim Empfang im Computer registriert. In der Zwischenzeit läut das System einwandfrei und sie haben nach rund zwei Stunden lediglich 20 Sekunden Verspätung.

Erscheinen die Personen nicht pünktlich, müssen sie nochmals einen Termin vereinbaren oder wieder am nächsten verfügbaren Termin erscheinen. Das ist erst zwei Personen passiert und dann hat sich das rasch herumgesprochen. Seither erscheinen alle stets pünktlich. Diese SMS-Benachrichtigung hat nun auch den positiven Effekt, dass lange Warteschlange verhindert werden können. Die Situation war jeweils sehr angespannt und teilweise aggressiv. Auch getrauen sich dadurch Menschen anzustehen, die davor aus Scham nicht angestanden sind.

Die «Coronakrise» verschärfte die Lage

Als sich das Covid-19 Virus in der Schweiz verbereitet hatte – die Genfersee-Region war stark betroffen – wurden praktisch alle Lebensmittelabgabestellen geschlossen. Als eine der einzigen Organisation konnte «Partage Riviera» dank dem zwischenzeitlich sehr gut funktionierenden SMS-System offen bleiben.

Wie wir erfahren haben, holen pro Halbtag circa 220 Menschen Lebensmittel ab. Vor der «Coronakrise» waren es circa 80 Personen. Das erfordert natürlich einen strikten Zeitplan und der ist nicht zu vergleichen mit einem gemütlichen Einkauf im Detailhandel. Gerade eine Minute und 20 Sekunde hat jede Person Zeit sich Lebensmittel auszusuchen. Nachdem die Zeit verstrichen ist und die Lebensmittel den Weg in die eigene Papiertüte gefunden hat, geht es nach draussen. Dort haben sie die Möglichkeit noch Backwaren zu erhalten und sich am «Salat-Buffet» selbst zu bedienen.

«Partage Riviera» hat während der Coronazeit auch sehr viel Solidarität erfahren. Nestlé, welche ihren Standort unweit von der Abgabestelle hat, spendierten der Organisation drei neue Kühlschränke, damit die zusätzlichen Lebensmittel kühl gehalten werden können.

«Wir sind auf Spenden angewiesen»

«Partage Riviera» erhält die Lebensmittel fast ausschliesslich von der Schweizer Tafel, welche sie bei den Detailhändlern Migros, Coop und Manor in der Region abholt. In diesem Betrieb wird nur Michel und der Putzkraft einen Lohn ausbezahlt. Die restlichen Personen arbeiten freiwillig. Sie sind teilweise schon etwas älter und unterstützen die Organisation seit längerer Zeit. Das Gesamtbudget für alle Ausgaben wie Miete, Strom, Lohn etc. beläuft sich auf 5000 Franken pro Monat, was sich aus Beiträgen der Sozialhilfe, Spenden von Privaten und der Kirche zusammensetzt.

Michel teilte uns mit, dass leider im nächsten Jahr der Standort aufgegeben werden muss, da das Gebäude abgerissen wird. Es wird sichtlich nicht einfach eine neue Bleibe zu finden, die so gut gelegen und vor allem bezahlbar ist.

Wir hatten ein sehr langes und schönes Gespräch mit Michel und er packte uns mit seiner positiven Einstellungen und hinterliess bei uns sehr schöne Eindrücke.
Wir möchten Michel ganz von Herzen für seine Zeit danken!

Was du da alles auf die Beine gestellt hast und wie du es schaffst all diesen Menschen in dieser sehr schwierigen Situation dennoch ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern, ist einfach wunderschön!

Marco und Jonas

Ein Kommentar bei “Unser Besuch bei «Partage Riviera»”

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